Herzlos

20161212_093304_resizedWenn das Herz zu Hause bleibt

An einem deutschen Wintertag traf ich eine Schweizerin an einem wunderschönen Strand in Lagos (Portugal). Das klingt fast wie eine romantische Liebesgeschichte, oder? Naja. So ganz abwegig ist das gar nicht. Romantisch ist es schon irgendwie, nur keine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen. Es könnte aber eine Hommage an mein Leben sein. Oder sogar an deins.

Sie erzählte mir in ihrem wunderschönen Schweizer Akzent, dass sie seit 40 Jahren in Lagos leben würde, aber jetzt gerade gerne woanders wäre. Sie war mit ganzem Herzen Reiseleiterin, um kam irgendwann nach Lagos, weil ihr Chef sie dort hinschickte. Eigentlich wollte sie für 1 Jahr nach Südamerika, aber ihr Chef sah etwas anderes für sie vor.

So kam sie mit Ende 20 nach Lagos

lernte ihren Ehemann kennen und blieb. Bis heute.

„Ich hatte mir mein Alter ganz anders vorgestellt. Ich wollte reisen, solange es mir gesundheitlich gut geht. Nun werde ich alt. Krankheiten fangen an. Erst die Ohren, dann die Zähne, meine Gelenke melden sich, und meinem Mann geht es nicht so gut. Ich kann ihn jetzt nicht alleine lassen. Er hat mich damals abgehalten und tut es noch heute. Menschen kommen hier her, speziell im Winter, weil sie die Sehnsucht nach dem Meer, dem Licht und der Ruhe spüren. Das finden sie hier. Stille und Ruhe. Wissen Sie, die Stadt, das Meer und die Menschen, die hier leben, sind mitunter depressiv. Gerade jetzt im Winter. Ich bin depressiv. Diese Stille macht uns alle depressiv. Sie kommen hier her und suchen diese Ruhe, und es ist gut, dass Sie das tun. Ich möchte gerne woanders sein, gerade jetzt im Winter. Ich möchte die Gerüche auf den Weihnachtsmärkten in meiner Nase haben. Die Weihnachtsbeleuchtung in den Fenstern sehen. Die aufgestellten Weihnachtsbäume in den Wohnzimmern. Räume mit wohliger Wärme, während es draußen schneit. Ich möchte meine Tasche packen und weiter reisen, solange es noch geht. Aber! Ich kann nicht. Ich bin gebunden, obwohl es mich so umtreibt. Selbst, wenn ich könnte, wahrscheinlich würde ich es nicht mehr übers Herz bringen, jetzt wegzufahren, so sehr bin ich innerlich gebunden. Aber ich würde gerne mal wieder nach Hause, in die Schweiz. Wenn ich die Zeit noch einmal drehen könnte, würde ich viele Sachen nicht mehr machen und viele Sachen machen, die ich nicht gemacht habe. Das Leben ist zu kurz um sich so sehr an etwas oder jemanden zu binden. Die Freiheit ist ein kostbares Gut, was Sie sich bewahren sollten. Damit meine ich nicht die eine Liebesbeziehung, sondern damit meine ich das ganze Leben, das wir alle nur ein einziges Mal in dieser Form leben werden.“

Ich frage mich…

Was passiert mit uns, wenn das Herz nicht mit auf Reisen geht?

Ist der Ort, an dem wir gerade nicht sind, immer spannender und aufregender, als unser Zuhause, das wir in- und auswendig kennen?

Spielt das vermeintliche Paradies uns einen Streich, wenn wir uns in die eigene Bettwäsche legen, die wir mitgenommen haben, weil sie das Gefühl von zu Hause mit im Gepäck hat?

Wonach suchen wir in fremden Ländern, und warum bleiben sie immer fremd?

Wie sehr können wir uns selber abhalten von unseren Träumen, oder sind wir vielleicht nur auf der Suche nach dem Grund sie nicht zu leben?

Wollen wir immer das, was wir gerade nicht haben?

2 Gedanken zu „Herzlos

  1. Die Frage darf auch gestellt werden: Warum es einen dann überhaupt woanders hintreibt?, denn wenn man doch dort ist, wo man eigentlich vorgibt gerne sein zu wollen, nämlich zuhause, warum dann entflüchten wir dem und meinen all zu oft sagen zu müssen: „Ich nehme mir die Freiheit oder suche diese“ !!
    Übersieht man dabei nicht einfach nur das innere Gefängnis, mit Mauern so hoch, dass nicht einmal mehr der eigene Partner gänzlich rüberreicht und nur noch sichtbar und hörbar ist, doch nahbar?
    Die Ruhe in welche wir uns begeben müssen ist wichtig, das kann ein Berg, die See, ein Keller, ein Wald , oder ein gute Meditation sein….diese Ruhe erlaubt uns und unserem inneren Wesen, mit unserer Seele zu kommunizieren, denn beide sprechen leise und in einer lauten und schnellen Welt, finden beide eben nicht immer zueinander, zu uns als bewussten Menschen. Das Leben wird außen zwar erlebt, aber innen gebildet !! Fangt an, Euch zu spüren, beginnt dieses zu reflektieren und sprecht mit Eurem Partner darüber und hat er/sie dafür keinen Sinn oder gar Abwehr, so ist er nur Begleiter, aber nicht Partner, schlimmstenfalls Anker, welchen es abzuschütteln gilt….sorry,…es gibt, ja, nur dieses eine Leben zur Zeit, allerdings kann man besser sagen: Jetzt diese Chance, diese Chance es wachsen, Bewusstsein entwickeln in einem höheren Sinn, ….eine Aufgabe des reiferen Lebens und eine, welche vererbt werden muss! Vererbt nicht im biologischen Sinn, sondern in der Art der Ausgestaltung, des Vormachens, Vorlebens,….des entängstigenden Zeigens, dass das geht,
    dieses „freie Leben“….

    1. …und für viele ist genau diese Kommunikation mit sich nicht möglich. Zuviele alte Wunden werden aufgerissen, die wohlbehütet vergraben wurden.
      Aber dafür kommt dann ein Mensch in unser Leben, der das für uns übernimmt und mit dem imaginären Finger darauf zeigt, damit sie heilen können. Wenn wir es zulassen.

      Vielen lieben Dank für diesen schönen Kommentar 🙂

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